·Alle·

Oskar Schlemmer und seine "Neuentdeckung" in Stuttgart

News & Stories — 04. Februar 2019
von Matthias Kanter
Für die einwandfreie Funktion dieses Videos ist die Verwendung von Cookies notwendig.
Bitte akzeptieren Sie diese um fortzufahren.
Nähere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung
"Das Triadische Balett" - ein Film in drei Parts, nach Schlemmers experimentellen Tänzchoreografien.
Es scheint grotesk, dass ein Künstler wie Oskar Schlemmer erstmalig 2014 in einer großen Übersichtsausstellung gewürdigt werden kann. Dass manche Erben merkwürdige Entscheidungen treffen, hatten wir schon von Brecht und Barlach gehört. Was aber dem Werk von Oskar Schlemmer widerfuhr, scheint unglaublich.

Die Menschheit musste bis zur Verjährung der Urheberrechte warten, um endlich einen umfassenden Einblick zu bekommen. Um das Jahr 1998 reiste ich nach Basel und schaute mir eine kleine Mappe mit Papierarbeiten an. Das Kupferstichkabinett verwahrte die berühmten Fensterbilder Schlemmers für die Erben und mit energischen Nachweisen eines forschenden Interesses, konnte man sich diese Arbeiten vorlegen lassen.


Mir war es gelungen einen Termin zu bekommen und es blieb ein unvergessener Tag. Besonders der Briefwechsel von Oskar Schlemmer hatte mich tief für diesen Künstler eingenommen und für mich war er der einzige Künstler am Bauhaus, dessen Werk in der Gegenwart fruchtbare Ansätze enthielt. Dass sich diese gefühlte Gewissheit im Nachdenken immer wieder verunklärte, führte mich oft zu den unglaublich verstreuten Originalen. Einen guten Bildband zum Lebenswerk gab es auch nicht. Damals wußte ich nichts über die restriktive Politik der Erben und dachte allein eine kleine Produktion und der Krieg wären die Ursachen.


Besonders war die Rolle Schlemmers als Lehrer am Bauhaus. Obwohl noch selbst ganz am Anfang seiner künstlerischen Entwicklung, wurde er als eine Art Juniorprofessor nach Zeugnissen der Studenten schnell zu einer der wesentlichsten Lehrerpersönlichkeiten. In den Briefen an Otto Meyer Amden scheint auf , welche Kraftanstrengung ihm diese Lehrtätigkeit abverlangte. Anders als Klee oder Kandinsky war ihm Kooperation und Lehre ein fast politisches Anliegen, aber gleichzeitig fürchtete er, dass seinem eigenen Werk wesentliche Energie verloren gehe.

Professoren lösen diesen allseits bekannten Widerspruch in der Regel mit der Entscheidung für eine Herzensverbindung zu der einen Sache und der Scheinausübung einer anderen. Schlemmer war anders.
Er wollte beides mit voller Energie und ging an die Grenze seiner Kräfte.
Die Ausstellung in Stuttgart gibt eindrückliches Zeugnis davon.

Bauhaus_logo_schlemmer_formost.png
Oskar_Schlemmer_Figurenplan_1919-1920_formost.jpg
oskar_schlemmer_stuttgart_formost.PNG

Als das Bauhausprojekt in Dessau beendet wurde, gab es noch einen gewaltigen Neuanfang in Wrocław und irgendwann saß er ganz müde in einer kleinen Küche in Sehringen.

Er konnte nicht glauben, dass sein so tief empfundenes Gefühl Deutscher zu sein, völlig anders definiert war, als das Deutsche der Nationalsozialisten. Er hoffte lange, in einem bösen Traum zu leben. Als Farbnuanceur verdiente er am Tage sein Brot in einer Fabrik und die Abende blieben für kleine Papierarbeiten. Alles Stürmen und Drängen war erloschen und kein Massenpublikum wartete drängend auf neue Bilder von ihm.

Aber ein Maler ist nur Maler wenn er malt. Oskar Schlemmer musste zum überleben malen und wollte Maler bleiben. Diese tiefe Notwendigkeit ganz für sich selbst, lässt sein Lebenswerk in ein unendlich intimes Spätwerk münden. Voller Demut bündeln sich auf kleinen Papieren alle Erfahrungen seines Künstlerseins in einer Welt, die aus allen Fugen geraten war. Er brauchte niemandem mehr etwas beweisen und keine neue Kunstströmung mehr befeuern und gerade so entstehen Arbeiten, die Künstler bis heute faszinieren. Wenige Künstler haben den Blick auf ihr Lebenswerk durch das Spätwerk wie Oskar Schlemmer verschieben können. Tizian und Rembrandt könnte man in diesem Sinn erinnern. 

Endlich diesen großen Entwicklungsweg sinnlich erfahren zu können, ermöglicht jetzt die umfassende "Erstbesichtigung" seines Werks. Vielleicht kann seine Kunst so endlich die Bedeutung bekommen, die sie unter Künstlern seit Jahrzehnten hat und wirklich Schule machen, denn Künstler lernen immer von Künstlern und Bildern. Diese nicht sehen zu können, ist wie Musik, die nicht gespielt wird. Danke nach Stuttgart für diese großartige Uraufführung.

·Alle·
Bitte warten