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Eingeschlossen bei L&C Stendal

News & Stories — 02. Februar 2015
von Matthias Kanter
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Mit L&C Stendal befindet sich
der Nachfolger des einst größten Stahlrohrbiegers in Europa in einer kleinen Stadt der Altmark.
Soviel kann man im Internet nachlesen und das reizte mich aufzubrechen.

Mit dem Redesign meines Schulstuhls hatte es die heute kleine Firma, bis in die Sammlung des MoMA New York geschafft und ich erwartete eine designorientierte Traditionsmanufaktur.
Auch wenn man in der Stadt heute nicht etwas Großes vermutet, ist die Leere um den Bahnhof doch auffällig. Reste historischer Industriearchitektur, bis zum Horizont, in riesigen freien Brachflächen. Meist gibt es zwei Ursachen im Osten für diese Anblicke. Entweder der 
2. Weltkrieg oder die Treuhand hinterließ solche Landschaften. In Stendal scheint beides zusammen gekommen zu sein.

Der Weg zu L&C führte durch kein rauchgeschwärztes Gründerzeitportal sondern über eine Stahltreppe auf einem Hinterhof.

Dass man dann sofort in einem riesigen Oberlichtsaal mit der gesamten Produktionspalette begrüßt wird, entschädigt für die erste Verwirrung der Erwartungen. Da ich angemeldet war, nahm sich der gerade neue Geschäftsführer persönlich Zeit, mir den Betrieb vorzustellen. Die Geschichte hatte ich ausreichend studiert und gerade die Zusammenarbeit mit dem Bauhaus in Dessau bot genug Ansätze. Zu diesem Thema traf ich aber auf wenig Begeisterung. Schauraum und Büros entsprachen den Geschichten von wechselnden Geschäftsführern, Besitzern und Prioritäten in der Ausrichtung der Firma. Design allein schien ein viel zu dünnes Eis und preisgünstige Raumbestuhlung die Kernkompetenz.


Als wir endlich in die Produktion gingen, war ich schlagartig in der Welt, auf die ich gehofft hatte. Shedhallen aus dem 19. Jahrhundert waren voller Werkzeuge aus allen Etappen des Stahlbiegers und Polstererhandwerks, die Wände schwarz, die Luft ölgetränkt und eine inspirierende Geräuschkulisse! Aus irgendeinem Grund hatte man sich für den Hintereingang aus der DDR entschieden und den repräsentativen Haupteingang zur Hauptstraße verrammelt.


Aber das war jetzt schon egal und wir wanderten durch die Hallen.

Einst hatte man vom Krankenhausbett über den Stahlrohrschlitten bis zum Fahrradrahmen alles gebogen und gelötet, was das Material hergab.

Die jeweiligen Maschinen und Werkzeuge dafür schienen vorhanden zu sein, einsatzbereit bis heute. Neben den eigenen Produkten entdeckte ich Designklassiker anderer Marken, die hier gefertigt werden, ohne dass man damit werben darf. Der Werktag neigte sich und über meine Führung war die Belegschaft in den Feierabend verschwunden und Stille zog ein. Als eine letzte Stahltür zuschlug, bemerkte der Geschäftsführer, dass er keinen Schlüssel dabei hatte und auch sein Telefon im Büro geblieben war.

Was nun?

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Irgendwo sollte es in der Decke eine Öffnung zum Dachgeschoss geben und über dieses einen Weg in den Bürotrakt. Das Loch war bald gefunden und auch eine Taschenlampe und wir türmten unsere Kistentreppe für diesen Fluchtweg. Als wir gebückt durch den Dachboden ohne Licht in die erste Dachkammer mit Beleuchtung kamen, standen wir beide unvermittelt in der Geschichte dieser Firma. Auch er war zu neu, um von der heimlichen Sammelleidenschaft einer langjährigen Mitarbeiterin zu wissen.


Hier in diesen abgelegenen Dachräumen, hatte sie über Jahre alles gesichert was andere immer wieder entsorgen wollten und sogar vom Flohmarkt frühe Produkte der Firma gerettet. Als hätte sie gehofft, dass irgendwann mal die Zeit und ein Geschäftsführer kommt, den diese Geschichte interessiert und der all die gesammelten Dinge für ein Firmenmuseum nutzbar machen will. In großen Ablageschränken fanden sich Produktmusterbögen aller Epochen und mir war sofort klar, was hier lagert.


Da die Umstände zum Aufbruch drängten, griff ich nur einen Sessel der mir besonders gefiel und versprach darüber nachzudenken, ob daraus nicht ein neues Produkt für L&C werden könnte. Völlig verstaubt fanden wir endlich die vermutete offene Tür zum Bürotrakt und ich musste zum letzten Zug nach Schwerin eilen.

Natürlich nicht ohne vorher noch gemeinsame Projekte zu verabreden,

aber das ist die nächste Geschichte.

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