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Patina als Kultur

News & Stories — 18. Juni 2017
von Matthias Kanter
Es gab Produktkulturen, in denen die Patina als aufwertende Gebrauchsspuren wesentlich war. Ein Produkt wurde so gefertigt, dass es in Würde altern konnte und die in ihm eingeschriebenen Lebensspuren als besondere Schönheit wahrgenommen wurden.
In einigen Nischen hat dieser Kulturbegriff bis heute überlebt oder wird langsam wiederentdeckt.

Die Barbourjacke aus gewachster Baumwolle, die man nicht einmal waschen kann, steht wie die alpenländische Lederhosentradition für Ersteres, die Mode der vorgealterten Jeans für Letzteres. Wesentlich bleibt für mich, welchen Stellenwert das Altern in einer Gesellschaft hat.
Wird es als Teil des Lebens positiv erlebt oder verdrängt.

Fast parallel zum wachsenden Jugendwahn unserer Gesellschaft, durften auch die Dinge um uns nicht mehr altern. Jede Verschmutzung, jede Ausbleichung oder jeder Kratzer kann als Beschädigung wahrgenommen werden, die man vorbeugen oder bekämpfen muss, aber auch gelassen als Sinnbild des Lebens.

Wie unterschiedlich diese Gewichtungen schon in europäischen Kulturen ausfallen, zeigt ein Blick auf die Autos im mediterranen Raum, mit deutlich mehr Mut zur Gebrauchsspur, als es den Deutschen gelingt. Was man tiefenpsychologisch und philosophisch ausloten könnte,  möchte ich an dieser Stelle zurück zum Qualitätsbegriff führen. Auch in unserer Kultur haben sich Bereiche erhalten, wo Patina noch durchaus wesentliches Qualitätsmerkmal ist oder als dieses wiederentdeckt wird.

In einer kleinen Mopedrestaurationswerkstatt in unsere Nähe, stand unlängst als teuerstes Angebot ein aufgearbeiteter Roller an dem fast alles überarbeitet und erneuert war. Statt einer Neulackierung hatte man den abgewetzten Originallack nur gereinigt und mit Klarlack geschützt. Das wäre der aktuelle Trend bei einigen Jugendlichen, erklärte der Restaurator und es erschien mir logisch. So kann in einigen Bereichen der "Wert" der Patina wiederentdeckt werden, auch wenn er in vielen anderen Sparten vergessen scheint.
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Wer langlebige und hochwertige Produkte schätzt und Nachhaltigkeit ernst meint, muss zwangsläufig zum Lobbyisten einer Renaissance der Patinakultur werden.
Trotz Nano-Oberflächen und neuerster Tecnomaterialien, ist die Idee der Vermeidung von Nutzungsspuren eine fragwürdige. Das lackierte Leder, das endlos neu aussehen soll, wirkt schon neu tot und im Alter erbärmlich. Das bei einem Material, das für schöne Patina wie geschaffen ist.

Wer einmal Opas alten Schweinelederfussball sorgfältig gereinigt hat und dann neu gefettet, kennt dieses Glücksgefühl der Aneignung durch lustvolle Arbeit, die nur patinafähige Gegenstände erlauben.

Es scheint sehr in unsere Zeit zu passen, dem Begriff der Patina eine neue Aufmerksamkeit zu schenken und als Kunde, Hersteller durch Nachfrage zu bestärken. Eine Kultur, die im Altern wieder eine Qualität entdeckt, kann auch im zwischenmenschlichen Umgang manche Fehlentwicklung korrigieren, Ressourcen nachhaltiger nutzen und echte Hochkultur entwickeln. Die Dinge um uns sollten als materieller Ausdruck unseres Denkens und Handelns wieder die Lebenspur als höchste Qualität entdecken.
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