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Der Kachelofen von Hedwig Bollhagen

News & Stories — 05. Februar 2015
von Matthias Kanter
Vor einigen Jahren hatte die Stadt Potsdam die Idee, Hedwig Bollhagen ein eigenes Museum zu widmen. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz hatte Ihr Lebenswerk zum "beweglichen Denkmal" erklärt und eine Million sollte auch bereitstehen. Eine Sonderausstellung zum
100. Geburtstag der großen Keramikerin gab eine erste Ahnung vom zukünftigen Museum und es schien der richtige Ort unweit der Manufaktur in Marwitz gefunden zu sein.

Bis zu dieser Zeit konnten Freunde von HB die Manufaktur besuchen, um in einem kleinen Werkverkauf schöne Stücke zu erwerben. Dazu hatte man die Gelegenheit, etwas um die alten Gebäude zu streifen. Mit dem Wissen das Hedwig Bollhagen hier gelebt und gearbeitet hat, entsteht so schon eine besondere Stimmung. Wer etwas von Ihrem Lebenswerk sehen wollte, wurde auf ein Kachelofenmuseum in Velten verwiesen.


Was ist ein Kachelofenmuseum?


Wenige Autominuten später steht man vor den Resten einer alten Fabrik, die einst ganz Berlin mit Ofenkacheln und aufwendiger Baukeramik beliefert hat. Ob am roten Rathaus oder frühen Bahnhöfen der Hauptstadt, überall finden sich Kacheln aus Velten. Was einst eine ganze Kachelindustrie war, muss nun von einem letzten Gebäude repräsentiert werden. Ein Verein hatte davon 2 Geschosse gemietet und mit viel Improvisation diese Geschichte illustriert. Erstaunlich war die Entdeckung, dass in den unteren Geschossen noch gearbeitet wurde und man sich fühlte, als hätte sich ein Baumarkt in einem Weinkeller eingerichtet. Aber was hatte Hedwig Bollhagen in einem Kachelofenmuseum verloren?


Einen kleinen Eintritt später betrat ich das Museum und schnell war klar, dass der Kachelofen als Teil einer keramischen Industriekultur auch zu HB passte und wirklich viele selten Stücke der Marwitzer Werkstätten zusammengetragen worden waren. Auch HB hatte sich an Garten und Baukeramik versucht und die Tonvorkommen der Gegend waren die gemeinsame Wurzel dieser Kultur. Was aber alle Erwartungen übertraf, wirkte im ersten Moment wie eine riesige Vase in Grün-Schwarz.


Ein Kachelofen von HB


Als Hersteller wurde die Kachelofenfabrik Velten genannt und das Firmenschild hatte ich doch gerade gesehen? Schon auf der alten Stahltreppe nach unten überlegte ich, ob ich nicht noch mal im alten Kontorbüro nachfragen sollte, was es mit dem Ofen auf sich hat. Die Sekretärin fragte kurz Ihren Chef und ich hatte Glück. Was von außen schon spektakulär aussah, war im Inneren eine perfekte Filmkulisse für ein Gespräch mit dem Fabrikbesitzer um 1920. Herr Lehmann wirkte wie die
3. Generation, der die 4. Generation fehlte und schnell verführte er mich in die Geschichte seiner Fabrik und ihre besonderen Fähigkeiten in der Gegenwart. Angesprochen auf den Ofen winkte er gleich ab. "Das Ding will keiner! Ja die Idee von Hedwig war gut gemeint, aber haben will den niemand, viel zu teuer."


Nun muss man wissen, dass neben lohnenden Restaurationsaufträgen nur noch wenig Kacheln nachgefragt wurden. Diese Kacheln werden hauptsächlich über den spezialisierten Kachelofenbauer vertrieben. Der Kunde kauft heute nicht seine Lieblingskachel und zeichnet seinen Traumofen, damit er gebaut werde. Aus Katalogen mit dem Charme eines Bestattungunternehmens der 70iger Jahre wird ein Fertigofen empfohlen und zum Festpreis erstellt. Sind die Kacheln dafür im Einkauf billig, kann der Gewinn etwas größer ausfallen. In diesem Abhängigkeitsverhältnis zum Ofenbauer ist der Hersteller der billigsten Kacheln meist nicht aus Velten. 

Da bei Ofenbauern der Geschmack so verbreitet ist wie bei den Steinmetzen unserer Friedhofskultur, ist eine geschmacksbildende Beratung der Endkunden eher Zufall. So hatten unserem Herrn Lehmann drei Ofenbauer müde abgewinkt bei HBs aufwendig mit Hand bemalten Kacheln und echte Freunde der Marwitzer Künstlerin noch nie etwas davon gehört. Dazu kam, dass der Ofen noch nicht zu Ende entwickelt war. Für das Museum hatte man ihn als einen Warmwasserheizungkörper konzipiert und die neue Mode der Festbrennstoffe gar nicht bearbeitet. Es gab weder eine Variante mit Kamineinsatz noch eine vernüftige Kalkulation. HB hatte den Ofen eigentlich für Herrn Lehmann aus Solidarität entworfen, weil sie dachte, ihr Name könnte der Kachelofenfabrik neue Kundenschichten erschließen. 

Ich war noch mehrere Male in diesem schönen Büro, denn der Rundofen gefiel mir so gut, dass ich mir sicher war, ich könnte auch andere davon begeistern. Wir hatten alle Probleme gelöst und waren bis zur Konzeption von Vormontage und Aufbau beim Kunden vorgedrungen als Herr Lehmann eine finale Bedingung stellte. Ein befreundeter Ofenbauer sollte exklusiv mit dem Aufbau betraut werden. Er hatte sich auch gleich freundlicherweise über unsere Kalkulation gesetzt und mit seinem Einsatz den Endpreis verdoppelt. Darüber hinaus wollte er maximal bis Berlin liefern und nach einem ersten Treffen wussten wir: hier passt gar nichts mehr zusammen. So wanderte dieses schöne Projekt (wie viele) erstmal in die Schublade kurz neben dem Mülleimer und wird mit neuen Partnern vielleicht irgendwann wieder ausgegraben. 


Nachtrag:

Nach Enthüllungen zu jüdischen Vorbesitzern der Marwitzer Werkstätten, von deren Enteignung Hedwig Bollhagen profitiert haben soll, zog Potsdam die Museumsidee und das Gebäudeangebot zurück. 
Das Kachelofenmuseum, dass nicht leben und nicht sterben konnte, kämpfte um die Million und wird in Velten in Kürze ein richtiges Museum werden. HB wird weiter nur dort ausgestellt. Ganz glücklich ist das alles nicht, aber es ist eine kleine Lösung, mit der ein kleiner Ort kleine Zukunftshoffnung verknüpft. Herr Lehmann sollte längst den Ruhestand genießen und vielleicht ist es mal an der Zeit zu schauen, ob es die Kachelofenfabrik noch gibt und was für ein Mensch sie heute leitet.

Wir werden berichten!

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