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Spielzeugmacher (2)

News & Stories — 11. November 2014
von Matthias Kanter
Dass „gut“ und „teuer“ nicht zwingend ein Traumpaar sind, mussten wir damals noch lernen.
Überhaupt, zur Idee der Vererbbarkeit und schönen Patina hochwertiger Produkte:

Schon vor 100 Jahren hat man im Erzgebirge Holzoberflächen so verdichtet, dass sie unbehandelt Generationen von Kindergartenkindern fast spurlos ertrugen. Wie so ein Baukasten aussieht, muss man wissen, aber er ist nicht leicht zu finden. Diese Art Spielzeug war nicht nur im Osten zu bekommen. Aber wo sind sie, diese Hersteller, die durch Haltbarkeit jahrzehntelang ihren eigenen Ruin vorbereitet haben?

Matador aus Österreich haben begeisterte Eltern nach der Pleite neu aufgelegt und gerade die Kleinkindvariante ist für mich zusammen mit Kellners Steckfiguren überhaupt das Beste, was ich an Bau-, Konstruktions- und Kombinationsspielen zwischen Abstraktion und Realität kenne. Jetzt waren ja neue Zeiten angebrochen und Designer und Hersteller hatten unaufhörlich geforscht und entwickelt, so dass auch deren Werke geprüft werden wollten. Die ersten Herrlichkeiten kamen als unbestellte Geschenke ins Haus, machten Geräusche mit Batterien, deren Nachkauf aber leider schwer fiel.

Oder sie waren von so monströser Hässlichkeit, dass man die erstbeste Aufmerksamkeitslücke der Kleinen für deren Entsorgung nutzte. Aber natürlich war schnell der Tripp Trapp von Stokke entdeckt und ein Freund konnte den Autos von Playsam nicht widerstehen. Auch der Affe von Kay Bojesen sprang uns praktisch in die Tasche. Die eigene Recherche begann. Wie sollte es sein, das gute Spielzeug? Schön, gern auch gestaltet, optisch verschleißfest und in seiner Nutzung möglichst ebenso, mit hohem Spiel- und Lernwert, natürlich nicht giftig und nicht billig, denn billig war längst verdächtig.

Dass „gut“ und „teuer“ nicht zwingend ein Traumpaar sind, mussten wir damals noch lernen. Als erstes überzeugten mich die Holzbahnen des schwedischen Herstellers Brio. Und auf Flohmärkten in der Schweiz fand sich immer wieder Wundervolles mit dem Aufdruck Naef. Als wir 2007 diesem Spielzeugmacher seine erste große Werkschau in Wismar ausrichteten, begann die konzentriertere Beschäftigung mit der Idee von Design und Spiel. Eigentlich sollte es ja ein Museum für Design aus dem Osten werden und nun wurde die erste Ausstellung einem Schweizer gewidmet, unterstützt von einer japanischen Händlerin, die wiederum wesentlich die Existenz der wichtigsten Spielzeughersteller des Ostens ermöglichte. Sponsoren waren unter anderem Cuboro, Brio, Sina, Gerd Kaden, Kellner, Kösen und andere „Konkurrenten“ Kurt Naefs. War sie den Deutschen verloren gegangen, die Idee des guten Spielzeugs, die einst im Erzgebirge von Fröbel erfunden wurde? Oder war sie nur nach China ausgelagert worden? Als später dann Brio, auch dank der Ikea-Kopie zum Preis eines Mittagessens, strauchelte, war klar, dass das kein reines „Ostthema“ ist. 

Kurt Naef lud einmal im Jahr seine Händler zum gemeinsamen Spielwochenende und entließ sie mit leuchtenden Augen zu ihren Kunden. Unterschiede müssen erklärt werden, aber der kleine, inhabergeführte Spielzeugladen schien ein Auslaufmodell. Dass er langsam in viele Städte zurückkehrt, macht Hoffnung. Obwohl man bei einem Besuch der Nürnberger Spielzeugmesse noch immer nicht glauben kann, dass irgendetwas Brauchbares jemals die Mehrheit erreicht. Qualität zu finden ist heute noch Arbeit, aber eine, die Freude macht! 

Pädagogisch interessierte Eltern wissen um den Wert einer Kugelbahn für die frühe Entwicklung des dreidimensionalen Denkens. Mit der für mich Besten vom Kugelbahn- „Großmeister“ Gerd Kaden spielen heute hauptsächlich die Kinder in Südkorea und Japan, obwohl sie der Standard für unsere Kindergärten sein sollte. Er hat nicht nur die Kubuskugelbahn erfunden, sondern auch eine Variante, die wirklich für kleine Kinder funktioniert. Seine in Europa viel erfolgreicheren Verwandten sind für Papa zwar spannender, aber eben erst für größere Kinder nutzbar. Wenn Papa dann wenigstens mit Freude spielt, ist ja auch schon was gewonnen, denn zunehmend bemisst sich der Wert eines Spielzeugs dadurch, wie viel Zeit ich mich mit meinem Kind nicht beschäftigen muss.

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Dieser Ablasshandel hat in der Industrie viel Kreativität freigesetzt. Dass wirklich Gutes so schwer zu finden ist, war eine Erfahrung, die sich durch alle Produktgruppen fortsetzte. Auch bei seriösen Spielzeugmarken wie Schleich verschwand mit dem „Made in Germany“ auch gleich die Farbe nach wenigen Tagen. Aktuelles Playmobil schien gegen unsere alte Kiste aus den Tagen des Westpakets in der Wandlungsfähigkeit der Charaktere oder der Entwurfsqualität der Tiere nicht gerade einen Sprung nach vorn gemacht zu haben. Selbst Lego hatte es geschafft, dass man den Kleinen vorführen musste, dass eine gemischte Legokiste kein Schrott, sondern Material für eigene Kreationen sein kann. An die fertigen Modelle traute sich niemand mehr ran. Die Guten werden schlechter oder sind pleite und der Müll feiert fröhliche Feste.


Wo findet sich noch eine gute Holzkugel? Was ist eine gute Holzkugel oder ist die Kugel vielleicht gerade out? Versucht niemand mehr gute Handspielpuppen für seine Kinder zu finden, so dass die besten Hersteller aufgeben mussten? Fast genau dort, wo die ersten Fröbelspielzeuge hergestellt wurden, findet man bei Sina so einfache Dinge wie Zählstäbchen, Kugeln oder einen Würfelturm in bester Qualität noch heute. Die Entdeckung der Initiative „Spiel gut“ brachte erste Hilfe, aber dort ist das von Designern Verantwortete ähnlich zufällig (trotz viel Qualität) wie bei Autokindersitzen (Qualität kaum zu finden) oder Schulranzen. Alles scheinbar designfreie Bereiche, fast wie unsere Friedhofskultur. Aber vielleicht braucht gutes Spielzeug gar keine Designer?


Warum nennen sich die Besten so konsequent Spielzeugmacher?
Statt des einzig erhältlichen Lauflernrollers der DDR-Tage gibt es unzählige Designmodelle. Welche Qual der Wahl. Ist ein LIKEaBIKE wirklich so gut wie Preis und Design es versprechen? Scheinen sich in einem Bereich die Designer zu drängeln, wirken andere Bereiche glatt vergessen. Qualität, Design, Designpreise – kaum ein Begriff, der nicht längst vom häufigen Missbrauch der Branche abgenutzt ist. Wie also den eigenen Qualitätsbegriff transportieren?

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