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Existenzieller Luxus 2 - Fastnichtsverbraucher

News & Stories — 21. Februar 2016
von Matthias Kanter
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Während die letzten Generationen unter Luxus wohl am meisten ein Protzen mit Überfluss verstanden, so zeichnet sich derzeit eine Hinwendung zum Wenigen, dafür aber um so mehr zum absolut Besonderen ab. Eine neue Haltung entsteht, um Wohlstandsbewusstsein auszudrücken: Der existenzielle Luxus.

Personentyp: Fastnixbraucher oder Genaudasbraucher?
Vor Jahren konterte ein sehr wohlhabender Freund die Frage nach speziellen Konsumwünschen mit der Frage: "Sehe ich aus wie ein Erwerber?" Nun begegnen mir im Alltag deutlich mehr Käufer der mehr oder weniger benötigten Dinge, aber auch in meinem Umfeld werden die fast Nixbraucher mehr.

Es ist auch nicht so, dass hier ein Plan oder ein gemeinsam gelesenes Buch zu suchen wäre, noch fühlen sich die Fastnixbraucher irgendwie speziell. Hin und wieder erwerben sie auch etwas und sind da in keiner Weise dogmatisch. Da ich mich selber eher im Lager der Sammler verorte, bin ich fasziniert.

Sorgfältig unterscheiden möchte ich die Fastnixbraucher von den Geizigen. Hin und wieder überraschen Sie gar mit einer Anschaffung aus dem Luxusbereich. Es ist vielleicht die Konsequenz aus mobilem Leben, kurzen Planungspespektiven und einer Kindheit bei fast Allesbrauchern. Die Versündigung unserer Warenketten an Umwelt und anderen Menschen auf dieser Welt schwingt unterschwellig mindestens mit. Dazu kommen schwere Konsumenttäuschungen via Konsumententäuschung.

Noch ursächlicher scheint mir aber die mangelnde Verführungskraft der Warenwelt. Werbung hat überreizt und läuft ins Leere, Produktfreundschaften endeten zu oft enttäuschend.

Ich sitze in der neuen Eigentumswohnung von Freunden. Monatliches Nettoeinkommen des kinderlosen Paares aus Anstellung im öffentlichen Dienst, gut 5stellig. Man hat sich für eine gute Einbauküche und Betten als einzige Neuanschaffung neben der Wohnung entschieden. Ein gutes schlichtes Zweiersofa und aus dem Gebrauchthandel einen schönen Tisch von Álvaro Aalto waren vorhanden, sowie noch brauchbare Sitzgelegenheiten aus der Studienzeit.

Viel freier Platz und der wird auch frei bleiben. 38 Tage Jahresurlaub werden aktiv verreist, ein geschenkter Kleinwagen der Eltern, 10Jahre alt,  hat 80000 km gerade erreicht und dient nur für Wochenendtrips über Land. Wenn Ihnen etwas besonders gut gefällt, wird es gekauft ohne übermäßig den Preis zu betrachten. Aber.

Es gefällt sehr wenig, besonders und wenn dann selten Beiden. Umzüge dürften noch Jahre mit einem VW Bus möglich sein. Ortswechsel. Zürich. Universitäre Nomaden. Wohnen auf Zeit mit einem schwedischen Möbelhaus und alles ohne Träne zum Sperrmüll wenn neue Arbeitsorte rufen. Persönliche Dinge passen in 3-4 Koffer.

Ich fühle mich angesteckt oder nur älter, gesättigter? Wofür konnte ich mich alles begeistern?


Gut, Erfahrungen machen wählerischer und früher war auch mehr Lametta, aber da ist noch etwas schwer Fassbares. Ganz erschrocken war ich über ein Gefühl schwindendens Begehrens für Artek durch den Verkauf an Vitra. So sehr es in Weil spürbar ist, wie dringend die blutarmen Designentwürfe die Vitra zusammengekauft hat von Álvaro Aalto und Kollegen bei Artek profitieren, so mehr müssen diese jetzt das schlechte Karma des Designhegemons mit Allmachtsphantasie verkraften. 

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An neuen Vitraprodukten klebt ein Geruch, der mich abstößt auch wenn er im Gebrauch verfliegt. Wichtig scheint die Summe aller Energien, die ein Produkt repräsentieren. Es wird leicht im Internet Firmengeschichte und Hintergründe recherchiert, aber besonders die unzähligen Informationen, die Privatleute (oder vermeintliche Privatleute) im Netz über Produkte verbreiten, wirken ansteckend.

Begeisterte und fachkundige Forendiskussionen bringen leichter Entscheidungshilfen als Eigenaussagen der Marketingkette. Wenn ich tiefer in die Produktrecherche einsteige, kommt es leicht zu Probekäufen im Gebrauchtbereich um niederschwellig Erfahrungen zu sammeln, aber das Ziel bleibt die absolute individuelle Entscheidung für einen echten Lebensgefährten.

Das Bild der Partnerwahl enthält hier wirklich wesentliche Aspekte. Eigene Vorlieben und Bedürfnisse suchen nach Schnittmengen mit der bestmöglichen Wahl und auch ein Schnellentscheider wie ich braucht manchmal lange Zeiträume von "Try and Error" bis sich eine Grundzufriedenheit und Gewissheit einstellt, die hält.

Der Preis ist selten ein Hindernis sondern eher eine Herausforderung, die das spätere Glück perfekt macht. Der Wiederverkaufspreis wird als Wert erlebt, der ein gutes Gefühl gibt.  Überschlagen werden nur die übrigbleibenden Nutzungskosten.


Die Fastnixbraucher sind Verwandte im Geist, die aber zusätzlich den Error vermeiden wollen. Es sind völlig neue Konsumenten, die durchaus das, was wir mal Luxus nannten, selektiv erwägen und erwerben, aber gleichzeitig auf vieles andere bewußt verzichten. Einkommen und soziales Stellung können irritieren. Eine Espressomaschine für 5000 Euro kann durchaus das langfristige Ziel eines Studenten sein und ein Bürosystem von USM heißt nicht zwangsläufig auch einen Porsche in der Garage zu haben.

Ein Haushalt aus einem Dutzend perfekt gewählter" Mitbewohner" ist sicher noch kein Massenphänomen und meine Bekannten sicherlich nicht repräsentativ. Trotzdem ist das, was sich vielleicht mit "existenziellem Luxus " beschreiben läßt, etwas, dass sehr gut in unsere bewegten Zeiten passt und schon längst mehr als eine zufällige Beobachtung. Gemeinsam haben wir die Erfahrung wie schwer es ist, in der scheinbaren Vielfalt wirkliche Qualität und Schönheit zu finden, aber vielleicht war es auch immer so.

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