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100 Jahre Moderne in der Zwergenwelt

News & Stories — 21. Februar 2018
von Matthias Kanter
Meine Großmutter liebte sie und ihre Schwiegertochter bewahrte später auch mit der kleinen "Wendt & Kühn Sammlung " die Erinnerungen an unsere Oma. Ich bin also befangen, denn in meinem Leben waren sie immer schon da. Weihnachten überall musizierende Engel, die Mondfamilie und die Spieldosen, dann alte Pappschachteln mit Seidenpapier für den Sommerschlaf aus deren Dunkel spätestens zu Ostern Blumenkinder mit riesigen Blüten kamen.

Zwei Dinge überraschen mich in der Erinnerung. Omas Wohnung erinnere ich nur noch in unscharfen Räumen und einzelnen fokussierten Einzelbildern. Die Wachstischdecke in der Küche, eine schwere geschliffene Bonboniere mit Pralinen, die niemals leer wurde und die kleinen Holzfiguren. Von den Wohnungen unserer Kindheit hat die Erinnerung deutlich mehr und genauere Bilder gespeichert aber auch hier überrascht mich, wie scharf die kleinen Zwerge herausstechen.


Als es Jahre später um unser Sortiment ging, war schon auf der ersten Liste die Traditionsfirma aus Grünhainichen. So positiv die Erinnerungen auch waren, so kritisch meldete sich damals der Verstand. Was heute so kontrovers um den Begriff "Heimat" diskutiert wird, steckt auch an Ambivalenz in dieser Figurenwelt.


"Wenn Du nicht weißt ob etwas gut ist, schau auf die Beweggründe seiner Hervorbringung", rät Elli Wiesel "denn genauso viel Gutes sich darin findet, steckt auch in der Sache selbst". Da sind wir Anfang des 20igsten Jahrhunderts in Dresden der Stadt der Moderne. Um die Kunstausbildungsstätten hatte sich eine der lebendigsten Szenen entwickelt, die mit den Expressionisten bis zu Hellerau die Welt faszinieren sollte. In diesem Klima studierten zwei junge Frauen Gestaltung und entwickelten ihre Figurenwelt.


Grete Wendt und Olly Wendt waren 1907 die ersten Studentinnen in der Damenklasse der Kunstgewerbeschule und bis zur Firmengründung 1915 in Grünhainichen eher breit aufgestellte Designerinnen im Umfeld des Werkbundes und der Werkstätten in Hellerau. Der Wunsch traditionelles Handwerk in der Verbindung zur Kunst zu erneuern, wird treibende Kraft und das bleibende Geheimnis ihrer Figurenwelt. Jeder traditionelle Handwerker wurde gebraucht und trotzdem wurde alles Überkommene kritisch befragt.

Nichts wurde so weitergemacht, weil es schon immer so gemacht wurde. So konnte aus einer Tradition das Lebendige, Zukunftsweisende destilliert werden und das ohne jeden überflüssigen Kitsch. Der radikale und trotzdem produktive Umgang mit Traditionen war die Grundidee in die Moderne. Dass es genau in dieser Phase zu wunderbaren Ergebnissen kommt, die diesen schöpferischen Aufbruch als positive Energie einfrieren konnten, lässt sich bis heute auch an den kleinen Zwergen aus Grünhainichen beobachten. Realität und Traumwelten verschmelzen in einer Abstraktion, die Kinder und Erwachsene durch die handwerkliche Perfektion als real wahrnehmen.


Die künstlerischen Innovationen sind geschickt unter feinsten Mustern und Farben verborgen und ihre "Volkstümlichkeit" ein sehr seltener Fall klarer künstlerischer Konzeption. Es ist keine Moderne, die verschrecken oder schockieren wollte, sondern verführen. Kinder mit riesigen Blumen, eine Mondfamilie mit Sternekindern waren gebaute Poesie. Die angedeuteten Bewegungen stupsen unsere Vorstellungskraft zärtlich an, diese geometrisierten Körperformen lebendig werden zu lassen. Man denkt an Oskar Schlemmer oder Picassos klassische Periode und doch mussten sich die beiden Schöpferinnen wohl nie auf einem Weihnachtsmarkt zwischen all dem Gewimmel für Ihre Modernität rechtfertigen.


Ihre Ausführungsqualität setzte völlig neue Maßstäbe und auch das war ein Kriterium für Kunsthandwerk aus Sachsen. Das nach über 100Jahren die Entwürfe noch funktionieren, zeigt zwei überragende Designpionierinnen mit Bewegründen, die weit über das schnelle Geld verdienen hinausgingen. Traditionen in jeder Generation wieder so zu hinterfragen, wäre ein Heimatbegriff, den ich mir gefallen lassen würde.

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