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Essentials 2 - Hausstand verdichten

News & Stories — 26. Januar 2016
von Matthias Kanter
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Ein Freund überraschte uns nach einer Lebensphase voller Einrichtung und überdurchschnittlicher materieller Lebensumfeldfülle mit der Idee, ein gutes Dutzend Gegenstände in einen Wohnwagen zu verbringen und den Rest aufzugeben. Der Schnitt war nicht ganz freiwillig und die Folge einer Trennung aber der Freund wirkte nicht nur entschlossen sondern auch glücklich befreit.

Wenn ein Hausstand unter diesen Voraussetzungen geprüft wird, gilt es Entscheidungen zu treffen. Unsere Großväter kannten noch Geschichten von Flucht und Vertreibung, in denen eine eingetauschte Taschenuhr die Rettung ermöglichte und nur ein Silberbesteck vom verlorenen Hausstand und Heimat erzählte.

So konfrontiert ändert sich auch der Blick auf das eigene Lebensumfeld. Besitze ich überhaupt kleine transportable Gegenstände mit Tauschwert in einer kritischen Lebensituation? Welche Dinge würde ich selbst mitnehmen, wenn die Lebensumstände einen sehr kleinen Lebensraum sinnvoll erscheinen lassen oder erzwingen?

Nun möchte man einwenden, dass diese Überlegungen unnötig und für die meisten von uns wirklichkeitsfremd sind, aber wer einmal einen Bekannten ins "betreute Wohnen" begleitet hat, erahnt den möglichen Praxisbezug für jeden von uns. Mich interessiert aber mit diesem Text die weit freiwilligere Qualitätsprüfung unseres Besitzes unter dem Aspekt der Einfachheit und Schönheit, die auch einen Mathematiker vorantreibt, wenn Formeln endlos kompliziert und nutzlos erscheinen. Wir bleiben also im Bereich des Gedankenexperiments und versetzen uns an den Ort, von dem wir sagen 'hier wären wir zu Hause'.

Klassisch wird diese Fragestellung mit der berühmten einsamen Insel illustriert und sehr begrenzten Transportkapazitäten dorthin, aber wir bleiben bei dem Freund, der nicht Land und Leute verlassen will und auch keinen Outdoorladen leer kauft.

Aus 260 m² fein möblierter Wohnfläche sollen einfach 20 m² werden und aus einem Menschen mit Freude an schönen Dingen kein Mönch. So gestimmt ist der Blick auf unser Lebensumfeld kein extremer und das erwartete Resultat eine qualitative Verbesserung. Sich darauf einzulassen könnte also Gewinn bedeuten.

Bei Tisch, Stuhl, Bett und einigen Küchenutensilien stellt sich nicht die Frage, ob man sie benötigt, sondern eher, ob man die richtige Art besitzt und ob Ihre Qualität so ist, dass sie als einziger Vertreter ihrer Gattung zweckmäßig und schön genug sind. Wir reduzieren ja nicht aus Not, sondern mit Lust und wünschen uns vom Überfluss gereinigten Luxus statt Ärmlichkeit.

Auch Gäste sollen sich weiter willkommen fühlen und so sind die bestmöglichen Sitzmöbel die erste Herausforderung. Von größtem Nutzen scheint dabei ein Sitzmöbel, auf dem man lange bequem sitzt, eventuell die Arme aufstützen möchte und leicht die Sitzposition wechseln kann. Ein Tisch mit variabler Tischfläche zum Essen, Lesen und Arbeiten macht vermutlich die geringsten Probleme und dass eine wirklich gute Matratze die Lebenszeit, die wir auf ihr verbringen, schon allein rechtfertigt, ist indiskutabel.

Das jede Liegestatt gut unterlüftet sein sollte, erklärt den zusätzlichen Bettgestellbedarf. Gute Messer, Töpfe, Pfannen, eine Schere und weitere Kleinigkeiten für die Essenzubereitung sind meist vorhanden und brauchen bloß für das neue Heim aussortiert werden. Die Basis steht also soweit und jetzt beginnen die Variablen. Dem einen reicht eine solide Kleiderstange wo der andere den Schrank nicht missen möchte. Der eine hat Hobbys und der andere sieht fern. Einer ist über den Computer vernetzt und der andere über Briefpapier. Die jeweiligen wirklich benötigten Utensilien machen die neue Wohnstatt individuell.

Der dritte Bereich ist individueller Luxus. Der Musikliebhaber braucht zum Sessel noch eine feine Klangerzeugungsmaschinerie, der Leser und Schreiber seine Lieblingslampe. Alles kann man sich in japanisch leeren Räumen als Ausdruck einer Luxusaskese ohne Widerspruch zu europäischer Produktliebe vorstellen. So die Dinge um uns wenigstens im Kopf einmal zu hinterfragen, wäre eine geistige Übung ohne die eine Rückkehr zur Hochkultur undenkbar erscheint.

Wenn aus dieser Bewusstseinsbildung Einzelner wieder eine Übereinkunft erwächst, können wir das Zeitalter der materiellen Vermüllung unserer Lebensumwelt als gemeinsame Kulturschwäche erkennen und verändern. Es geht nicht um Konsumverzicht sondern um eine qualifizierte Idee von Gebrauch und Besitz, die auch gemeinsame Nutzung geeigneter Produkte genauso bedenkt wie das Leihen von Kurznutzungsgütern. Wenn uns dann noch die Freude bei der Herstellung genauso wichtig wird wie schon heute die Ökobilanz, sind wir ganz dicht an den "guten Waren" die Wilhelm Wagenfeld schon 1952 propagierte.

Mit "Craddle to Craddle " wächst auch technologisch Hoffnung, die wir individuell geistig vorbereiten können. Das sinnvolle "Eindampfen" des eigenen Hausstandes im Kopf oder der Praxis ist dafür essenziell.
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