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Spielzeugmacher (1)
News & Stories — 14. November 2014
von Matthias Kanter
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Vor kurzem ist uns der Prototyp eines kleinen Pferdestalls von Wolfgang Dyroff gezeigt worden, der nun in die Sammlung der Pinakothek der Moderne in München kommt.

Dyroff hat ihn 1948 an der heutigen Bauhausuniversität Weimar entworfen und es existiert nur dieser eine Prototyp. Ihn heute in Serie zu bringen ist möglicherweise wirtschaftlich unvernünftig. Ich habe ihn lange angeschaut, wohlwissend, dass es nicht nur Zeit und Geld kosten wird, ihn neu aufzulegen, sondern dass auch niemand uns diese kleine Kiste zum Preis von mindestens vier Nintendospielen wegreißen wird.

Aber alles, was nach meinen heutigen Maßstäben das Beste für Kinder ist, strahlt aus dieser kleinen Pferdebox.
Es gab einmal ein Land, das den Studiengang „Spielmittelgestaltung“ erfunden hatte. Friedrich Fröbels Ideen kamen von dort, wenn auch aus einer früheren Zeit, und in diesem Land waren mehr Menschen hauptberuflich für Kinder beschäftigt und extra dafür ausgebildet als irgendwo sonst auf der Welt. Ich war selbst Kind in diesem Land. Ich fühlte mich schon früh ernst genommen von den vielen Hörspielen oder Theaterstücken für Kinder.


Dass die ökonomische Situation dabei den äußerst sparsamen Umgang mit Ressourcen und Langlebigkeit von Entwurf und Ausführung verlangten und jede Umsetzung lange abgewogen wurde, scheint rückblickend ein Vorteil. Da weniger Spielzeug nicht bedeutete, dass es kein unbrauchbares Spielzeug gab, waren auch damals die Eltern gefordert, das Gute zu finden und auszuwählen.

Dass die Führung den Gestalter namenlos lieber hatte, forderte viel Demut, ohne jedoch der Qualität zu schaden und man arbeitete oft im Team. Es war eine Arbeit, nicht für Kinder, sondern für Menschen. Ein Roller war so gebaut, dass er nach 30 Jahren und fünf Besitzern noch immer vom liebevollen Opa weihnachtsbaumtauglich gemacht werden konnte. Fast alles wurde recycelt oder repariert. Das Fernsehprogramm war so schlecht, dass sich vieles fand, was spannender war. Die Konsole war noch nicht erfunden. Natürlich gab es auch in diesem Land jede Menge Irrtümer, das Kinderspiel betreffend und Moden, die heute lächerlich erscheinen, aus Plaste und Elast. Da gute Designer in der Industrie oft verzweifelten, flüchteten viele in die Lehre oder das Handwerk. Tapio Wirkkala glaubte, man würde die beste Designausbildung der Welt in diesem Land finden.

Und dann war da noch diese Energie, die sich nur im noch etwas unpolitischeren Bereich der Arbeit für Kinder entfalten durfte. Künstler aller Sparten fanden hier eine Nische, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, der ihnen im Hauptberuf wegen politischer Missliebigkeit versagt wurde. Was das im Bereich Kinderbuch, Kinderhörspiel, Trickfilm, Puppentheater, Comic, Design für Kinder bedeutete, können wir heute bei Kinderfilmen oder Wiederauflagen von Kinderbüchern des Ostens entdecken. Besorgen Sie sich ein Hörspiel von Albert Wendt aus Leipzig, zum Beispiel „Adrian und Lavendel“ und Sie verstehen, welche Qualität ich meine. Dass viele erschwerende Umstände die Lebensleistung dieser Menschen noch bemerkenswerter machen, darf sich gerne noch weiter herumsprechen.

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Als ich Renate Müller 2006 zum ersten Mal besuchte, arbeitete sie gerade an einigen Tieren für eine japanische Galerie und war in Deutschland ohne Händler. Formost übernahm gern diese Rolle und sorgte zugleich auch für etwas Öffentlichkeitsarbeit.

Wir freuen uns heute mit ihr über die weltweite Anerkennung ihrer Arbeit. Dass der Schaukelwagen von Hans Brockhage und die Tiere von Renate Müller jetzt im MoMA in New York angekommen sind, ist eine erste Anerkennung.

Natürlich bin ich befangen. Weil Kindheitserlebnisse einen unerklärbaren Mehrwert zu haben scheinen, gab es den Impuls, für die eigenen Kinder, etwas von dem Meistgeliebten aufzuspüren. Da war dieses Nilpferd aus dem Kindergarten in Dessau, das immer vom durchsetzungsfähigsten Jungen „dauerbesessen“ wurde oder die kleinen Kellner Steckfiguren mit Gummikupplung, die auch mal den Bau einer Pistole ermöglichten, als diese immer wieder vom Weihnachtsmann auf dem Wunschzettel übersehen wurde. Aber auch Kinderbücher und die geliebten „Digedags“- Hefte waren leicht wiederbeschafft, ebenso wie die wunderbaren finnischen Comics rund um die Mumin Trollfamilie von Tove Jansson, die in Illustration und Text für mich zum Besten gehören.

Da unsere Mutter vieles aufhob, fand sich einiges davon sorgsam in Seidenpapier verpackt in ihrem Keller. Diese Dinge waren in Haltbarkeit und Spielwert mindestens eine Generation geprüft und so erst einmal fraglos gutes Spielzeug.
·Alle·

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