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Mit den Augen hören -"Haus Schminke"

News & Stories — 06. Februar 2015
von Matthias Kanter
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Designfreunde kennen das Gefühl, dass ein einzelner Gegenstand von den Ideen einer Designepoche erzählen kann.
Manchmal erwirbt man auch einfach nur einen Markenartikel, von dessen Geschichte man gar nichts weiß, weil man ihn schön findet. Hochwertige Designklassiker signalisieren soziales Prestige und Geschmackssicherheit und auch aus diesen Gründen gelangen viele schöne Dinge in unser Lebensumfeld.

Mich interessiert eine besondere Gruppe von Designfreunden.
Diese Menschen empfinden die Auswahl der Gegenstände in ihrem Umfeld als bewußten Ausdruck ihrer Persönlichkeit.
Die Dinge sind so etwas wie Mitbewohner. Sie haben sich manchmal für eine besondere Epoche entschieden oder finden in verschiedensten Stilen Gegenstände, die eine besondere Verbindung zu haben scheinen.

Solche Menschen haben manchmal sogar eine "kommunikative" Verbindung zu Dingen. Ein Gespräch mit einem Gegenstand - klingt merkwürdig?

Noch verrückter klingt es vielleicht, wenn ich behaupte, dass in solchen Gesprächen die Dinge deutlich mehr erzählen als wir.

Uns bleibt oft nur, Fragen zu stellen und die Antworten zu analysieren.


Wenn also eine einzelne Lampe oder Vase schon etwas zu erzählen hat, kann man annehmen, dass eine bewusst eingerichtete Wohnung einer ganzen Diskussion ähnelt. Natürlich muss man sich Zeit und Ruhe nehmen, diese Gespräche der Dinge wahrzunehmen und nicht Jeder spricht hier klar und verständlich. Ein Teppich nuschelt manchmal absichtlich, weil seine Herkunft unklar und ihm etwas peinlich ist. Die Dinge um uns von Zeit zu Zeit als Mitbewohner wahrzunehmen, ist eine besondere Fähigkeit. Ihre Bedeutung für unser Leben regelmäßig zu hinterfragen und ihre Zusammenstellung energetisch zu verbessern, ist eine Möglichkeit sich zu entwickeln.


Der Mensch braucht ja elementar nicht wirklich endlos viel.

Von einem Lebenspartner, der nie mit einem spricht, würde man sich vermutlich schnell trennen. Warum nicht auch von einem schweigsamen Füller?


Wenn man genau so seinen Zugang zur Designgeschichte sucht, machen es uns Museen oder Designgeschäfte schwer, denn um wirklich etwas zu erfahren, braucht es Zeit und Ruhe. 

So sehr die Geschichtsschreibung und Literatur auch am historischen Bewusstsein arbeitet, gelingt es doch höchst selten, uns wirklich in frühere Epochen hineinzuversetzen. Hier hat die Kunst und das Design einen entscheiden Vorteil. Dieser Vorteil ist ihre schlichte Präsenz.

Ein Stuhl des Biedermeier ist (gut erhalten) heute genauso da wie zu seiner Entstehung. Wir können ihn anschauen wie die Zeitgenossen, seine Eigenschaften wahrnehmen und ihm "zuhören".


Ein ganzes Haus auf diese Weise zu "erfahren" ist natürlich eine besondere Möglichkeit. Ein Museumsbesuch ähnelt da leider mehr dem Gefühl in einer Hallenskipiste im Sommer als dem echten Wintersport.

Mit dem Haus Schminke von Hans Scharoun hat man eine seltene Gelegenheit.

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Sanft restauriert, kann man sich hier auf Tage einmieten. Raumgefühl, Proportionen, Materialien und ihre Verwandlung mit dem Tageslicht werden erst mit etwas Zeit erfassbar. Hier kann man sich diese Zeit nehmen. Man bekommt ein Gefühl für den Geist des Ortes, kann einer Türklinke, einer Lampe oder den speziell für dieses Haus gefertigte Möbeln "zuhören" und so eine Zeitreise machen.

Kein Ort für Jeden aber für Freunde der Moderne, die mit den Augen "zuhören" können ... Wunderbar!
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